Mit Horst Porath und Eva Högl im Beusselkiez und im Huttenkiez unterwegs
Rund 20 Bürgerinnen und Bürger waren der Einladung der SPD Moabit-Nord zu einem Rundgang durch das westliche Moabit gefolgt: Geführt von dem früheren Baustadtrat Tiergartens, Horst Porath, ging es gemeinsam mit der Bundestagsabgeordneten Eva Högl gemeinsam von der Beusselstraße nach Westen.
Der Rundgang startete vor dem Rewe-Markt an der Ecke Beusselstraße/Turmstraße. An dieser Straßenecke ist die Bebauung niedriger, weil die Straße vorbereitet wurde für die mögliche Errichtung einer U-Bahnlinie. Schon vor 40 Jahren befand sich eine U-Bahnlinie unter der Turmstraße zum Bahnhof Jungfernheide in der Diskussion, deren erster Abschnitt Anfang August mit der U 55 zwischen Hauptbahnhof und Brandenburger Tor in Betrieb genommen wurde.
Nächste Station waren die ersten Häuser in der Huttenstraße. Vor 100 Jahren erreichte die SPD in Moabit und im Huttenkiez Wahlergebnisse um die 70 Prozent bei den Reichstagswahlen. Hier erinnerte Horst Porath auch an die Arbeit zur Zeit der faschistischen Diktatur: Als die Nationalsozialisten alle demokratischen Strömungen unterdrückten, schüchterten sie die Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten im Kiez ein, viele gaben ihre politische Arbeit auf. Sie verlagerten ihr Engagement in andere Organisationen, wie Gesangsvereine und Sportvereine. Die stärker zentralistisch organisierten Kommunisten der KPD arbeiteten in der Zeit im Untergrund weiter.
Seit 1861 gehört Moabit, das damalige Gebiet östlich der Beusselstraße zur Stadt Berlin. Der westliche Bereich gehörte unter der Bezeichnung Martinikenfelde zur selbständigen Stadt Charlottenburg. Hier entwickelten sich wichtige Industrieansiedlungen unter anderem von Siemens, Loewe und Borsig. An der Berlichingenstraße steht die Turbinenhalle, die heute zum Siemens-Konzern gehört. Ab 1908 wurde sie vom Architekten Peter Behrens im Auftrag des AEG-Gründers Emil Rathenau errichtet. Hier wurden damals modernste Dampfturbinen gebaut. Heute stellen hier rund 3.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hochmoderne Gasturbinenen her. Viele Anwohnerinnen und Anwohner werden die nächtliche Vollsperrung der Turmstraße schon erlebt haben, wenn die Turbinen zum Westhafen gebracht werden.
Der Name Martinikenfelde geht auf den französischen Kolonisten Martin zurück, der 1735 einen Gasthof auf einem früheren Gehöft begründete. Da der Mann von kleiner Statur war, wurde er umgangssprachlich "Martinicken" (Petit Martin) genannt. Das bis Ende des 19. Jahrhunderts beliebte Ausflugsrestaurant für Berliner und Moabiter prägte damit die ganze Region. Nach der Bildung der Großgemeinde Berlin kam Martinikenfelde 1938 zum Bezirk Tiergarten von Berlin.
Um Konflikte zwischen Arbeit, Wohnen und Denkmalschutz ging es an der Straßenecke Huttenstraße/Wiebestraße. Hier standen die Werkhallen, die der Unternehmer Ludwig Loewe errichten ließ. Die ab 1898 fertiggestellten Gebäude der Werkzeugmaschinenfabrik sind heute Bestandteil der Liegenschaften von Siemens. Eine unter Denkmalschutz stehende Werkhalle an der Wiebestraße konnte jedoch nicht erhalten bleiben: Um die Abwanderung von Siemens-Arbeitsplätzen zu verhindern, musste hier der Denkmalschutz weichen.
Die an der gleichen Straßenecke errichteten Wohnhäuser, im Volksmund als "Schwindelschweiz" bezeichnet, waren das Ergebnis der Spekulation mit Bauland: Obwohl hier nur Industrie errichtet werden durfte, wurden Wohnhäuser ohne Baugenehmigung erbaut, weil es durch die umliegenden Werke eine große Nachfrage nach Wohnungen gab. Erst in den 1990er Jahren konnten mit Horst Porath als Baustadtrat nachträglich die baurechtlichen Voraussetzungen für die Wohnhäuser geschaffen werden, dadurch wurden Kinder- und Jugendeinrichtungen in dem Wohngebiet möglich.
Im Jahr 1964 verkehrte die letzte Straßenbahn in Moabit. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Wiebestraße wichtige Endhaltestelle für viele Linien und gleichzeitig Reparaturwerkstatt für die BVG. Bis Anfang der 1990er Jahre nutzte die BVG die Halle an der Ecke zwischen Sickingenstraße und Wiebestraße als Lagerhalle, danach gab sie sie an den Bezirk Tiergarten ab. In der Anfangszeit konnte ein guter Kompromiss mit BMW gefunden werden, die einen Teil der Halle nutzten, so dass ein anderer Teil der Halle von Künstlern als Ateliers zur Verfügung gestellt werden konnten.
Heute sitzt hier das "Meilenwerk", ein vielfältiges Veranstaltungs- und Gewerbezentrum, in dem sich alles um gut gepflegte Automobile dreht. Dieser Investor hat den Erhalt des Gebäudes möglich gemacht.
Auf dem Gelände des Straßenbahndepots wurde ein Spielplatz, im ehemaligen Verwaltungsgebäude der BVG eine KiTa und ein Jugendtreff neu geschaffen, so dass vor allem für die Kinder und Jugendlichen im Huttenkiez deutlich bessere Möglichkeiten für Betreuung und gemeinsame Freizeitgestaltung geschaffen wurden. Auf dem Spielplatz der KiTa sind noch heute die Schienen und Weichen der Straßenbahnen zu sehen.
An der Straßenecke Wiebestraße/Sickingenstraße machte Horst Porath auf den gegenüberliegenden Parkplatz aufmerksam, der seit einem Geländetausch mit Siemens zu dem Betriebsgelände gehört. Durch diesen Tausch wurde der Jugendtreff "B8" in der Berlichingenstraße 8 möglich, der im April 2009 durch Klaus Wowereit eröffnet wurde. Allerdings gibt es auch Vermutungen, dass während des Zweiten Weltkriegs auf dem Gelände ein Zwangsarbeiterlager betrieben wurde. Die Arbeiter scheinen in der Ludwig Loewe AG in der Waffenproduktion eingesetzt worden zu sein.
Der weitere Weg führte die Sickingenstraße hinunter. An der Ecke zur Berlichingenstraße steht die ehemalige AEG-Glühlampenfabrik, die 1904 bis 1912 vom Architekten Johannes Kraaz direkt nördlich von der Turbinenhalle errichtet wurde. 1939 ging das Gebäude an die AEG-Tochter Telefunken über, die hier Röhren und elektronische Geräte baute. Heute hat das Jobcenter in dem Gebäude seinen Sitz.
An der Ecke zur Rostocker Straße stehen sich zwei Beispiele für den unterschiedlichen Umgang mit Wohngebäuden direkt gegenüber. Während in der Sickingenstraße 7 und 8 das Wohnhaus der ersten Berliner Wohngenossenschaft gut in Schuss ist, steht direkt an der Ecke zur Rostocker Straße ein runtergekommenes Wohnhaus, bei dem eine Eigentümergemeinschaft trotz vieler Versuche zu keiner Renovierung zugunsten der Bewohnerinnen und Bewohner zu bewegen war. Das vom Berliner Spar und Bauverein 1893 bis 1895 errichtete Wohnhaus in der Sickingenstraße bot für Arbeiter Kleinwohnungen mit ein bis zwei Zimmern, die für die damalige Zeit luxuriös mit Küche, Speisekammer und Toilette vorbildlich ausgestattet waren.
Seinen Abschluss fand der Rundgang im Moabiter Stadtschloss mit Nachbarschaftstreff und Bibliothek in der Rostocker Straße 32. Bei seiner Arbeit als Baustadtrat hatte sich Horst Porath darauf konzentriert, die Bewohnerinnen und Bewohner aktiv in die Arbeit einzubeziehen. Bei der Ausweisung von Sanierungsgebieten wurden daher Betroffenenvertretungen gebildet, die sich Anfang der 1990er im Moabiter Ratschlag als eingetragener Verein zusammen schlossen und gemeinsame Information und Zusammenarbeit organisierten.
Der Moabiter Ratschlag e.V. sitzt heute in dem ehemaligen Lehrerwohnhaus in der Rostocker Straße, das 1898/99 errichtet wurde, es gehörte zur 216. und 222. Gemeindeschule, die beide im Weltkrieg vernichtet wurden. An dem Gebäude ist das Profil des Kulturpolitikers Friedrich von Raumer zu sehen, der sich durch die Einführung öffentlicher Volksbibliotheken hervortat. Die frühere Lesehalle im Erdgeschoss besteht nicht mehr, aber im benachbarten Nachbarschaftstreff hat die Kurt-Tucholsky-Bibliothek des Bezirks ihren Sitz.
Am Ende des Rundgangs dankte Eva Högl auch im Namen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer Horst Porath für die informative und politische Führung. In diesem Kiez zeigt sich, wie sozialdemokratisches Wirken und intensives Engagement die Lebensbedingungen verbessern, die Bildung stärken und Arbeit sichern kann.
Auch aktuell bringen die Programme aus dem Bereich "Soziale Stadt" aus dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung umfangreiche Fördermittel in den Bereich. Moabit-West gehört zur Förderung des Stadtumbau West. Durch das Engagement soll der Industriestandort langfristig gesichert werden. Dazu wird von der STERN GmbH ein Unternehmensnetzwerk Moabit-West initiiert, bei dem Unternehmen, Eigentümer sowie benachbarte Forschungseinrichtungen einbezogen werden. Geplant ist auch, ein integriertes Verkehrs- und Logistikkonzept zur Lösung der Erschließungs- und Anbindungsprobleme zu erarbeiten.
Aus dem Bereich des Landes Berlin und des Bezirks Mitte wird das Quartiermanagement Moabit-West unterstützt, das Bewohnerinnen und Bewohner in die Lage versetzen soll, das eigene Lebensumfeld aktiv zu verbessern. In den Gremien des Quartiermanagements arbeiten viele Bürgerinnen und Bürger engagiert mit.




