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Schaurig schöne Siemensstraße

Früher Gewerbe, heute tot: Schade um die Siemensstraße

Im Norden Moabits, direkt am früheren Gütergelände, liegt die Siemensstraße, die seit Monaten heftig diskutiert wird. Das Interesse hat die Straße verdient, denn sie gehört zu den traurigsten Ecken des Kiezes.

Die SPD Moabit-Nord plant in Kürze eine öffentliche Bürgerveranstaltung, bei der über den Hamberger-Markt diskutiert und mit der Bürgerinitiative und der Politik über die Chancen und Probleme des Projektes diskutiert werden soll: Das Münchner Unternehmen plant einen Gastronomie-Großmarkt.

Ein Rundgang über das Gelände wenige Tage vorher sollte die Stimmung eines Ortes klären, der jede konkrete Anstrengung lohnt. Nur so bleiben, wie es derzeit ist, darf es nicht.

22.000 Fahrzeuge am Tag brausen durch die SiemensstraßeGlaubt man der letzten Verkehrszählung von 2005, fuhren damals täglich 22.000 Fahrzeuge über die Siemensstraße. (Zum Vergleich waren es damals in den vier Fahrspuren der Turmstraße "nur" 18.000 Fahrzeuge.)
Der Verkehr hat nach der Schließung des Flughafens Tempelhof weiter zugenommen, ein großer Teil der Fahrten zum und vom Flughafen Tegel führen durch die Siemensstraße.
Im östlichen Moabit wirkt die Verkehrsberuhigung in der Quitzowstraße, dort werden die LKW und PKW durch die neue Ellen-Epstein-Straße umgeleitet.
Besonders ärgerlich ist die Verkehrsbelastung unmittelbar vor der James-Krüss-Grundschule

Im Dornröschenschlaf hinter der Baumreihe liegt das Gelände, auf dem in den nächsten Jahren reichlich Neues entstehen soll: Jetzige Eigentümerin ist die Vivico, eine frühere Bahntochter, die das Gelände verkaufen will. Durch den Verkauf an die Firma Hamberger soll ein Gastronomie-Großmarkt für Restaurants und Übernachtungsbetriebe entstehen. 
Vom Westhafen über Schutt- und Müllberge zur Pappelreihe: Die Brache im Dornröschenschlaf

Gelingt die wirtschaftliche Nutzung wird damit aus Fördermitteln der Senatsverwaltung für Wirtschaft auch die Fortführung der Umgehungsstraße möglich. Damit wird die Siemensstraße verkehrsberuhigt und lebenswert.
Gegenüber des Unionsparks und der Oldenburger Straße wird derzeit der Moabiter Stadtgarten geplant. Im vergangenen Jahr fanden mehrere Planungsworkshops zur Einbeziehung der Bewohnerinnen und Bewohner statt. Jetzt sollen dort Bewohnergärten, Spielflächen und ein Café entstehen, das von einem Verein betrieben wird.
Derzeit haben Grüne und CDU jedoch weitere Investitionen in den Stadtgarten gestoppt, bis über den Gastronomie-Großmarkt entschieden ist. Damit könnten dem Bezirk 300.000 Euro in diesem Jahr für den Stadtgarten verloren gehen.
Die Grünen machen gleichzeitig ihre Zustimmung zu dem Projekt von einem Konsens mit der Bürgerinitiative abhängig.

Transparente der Bürgerinitiative am Zaun. Auch diesen Protest der Bürgerinitiative kann man an dem Ort derzeit deutlich sehen. Teilweise vergilbte und zerrissene Transparente am Zaun machen dem Frust der Anwohnerinnen und Anwohner Luft. Rund 30 Personen erscheinen, wenn sich die Bürgerinitiative mit Stadtrat Ephraim Gothe in der Vergangenheit traf.
In den vergangenen Wochen sammelten sie bei einer Unterschriftensammlung die Unterstützung von 1.000 Personen.
Konfliktpunkte sind die Versiegelung der Fläche, der Abstand zwischen dem neuen Gebäude und den gegenüberliegenden Wohnhäusern, die Gebäudehöhe und die Frischluftzufuhr.

Einige der Konfliktfelder konnten in der Vergangenheit gelöst werden: Ein großer Teil der Pappeln auf dem Grundstück hat seine Lebensdauer erreicht oder wird die nächsten zehn Jahre nicht überleben. Hier ist der Investor bereits zurückgewichen und wird eine neue Baumreihe schaffen. Dennoch will die Bürgerinitiative einen "Achtungsabstand" von 10 Metern zur Gebäudegrenze
Auch die Höhe des Baus soll nach den Forderungen der Bürgerinitiative von derzeit 13 auf 11 Metern reduziert werden.
Unterschiedliche Auffassung gibt es hinsichtlich des Mikroklimas: Während die Bürgerinitiative davon ausgeht, dass sich nach der Errichtung des Baus die Sommertemperatur in den angrenzenden Straßen deutlich erhöht, gehen Befürworter des Projektes davon aus, dass schon jetzt die Frischluftzufuhr durch die dichtbefahrene Straße unterbrochen wird.
Die Fassade ist ebenso wie die Bäume faktisch nicht mehr strittig: Hamberger hat einen Architekturwettbewerb zur Fassadengestaltung angeboten, doch die Bürgerinitiative war nicht interessiert, obwohl die Frage vorher die wichtigste schien. In jedem Fall wird die Fassade durchlässig gegenüber dem Kiez, Fenster und Einblicke enthalten.

Dachgeschosse in der Siemensstraße: Feier Blick zum Westhafen und vielleicht noch ein Balkon nach Süden?Das Oben und das Unten auf der Siemensstraße macht die sozialen Unterschiede und die Veränderungen deutlich sichtbar. Ausgebaute Dachgeschosse mit frei verhandelbaren Mieten oder als Eigentumswohnungen zeigen, dass Menschen mit guten Einkommen nach Moabit gezogen sind - wer wirklich viel Geld hat, hätte sich wahrscheinlich auch einen anderen Stadtteil ausgesucht.
Aber dahinter darf nicht vergessen werden, dass zwei Drittel aller Kinder und Jugendlichen bis 15 Jahre in Hartz-4-Bedarfsgemeinschaften lebt.

Hier sind Familien, die Arbeitsplätze brauchen, auf der anderen Seite Bewohnerinnen und Bewohner, die Arbeit und gutes Einkommen haben und sich einen ruhigen Kiez wünschen. Hamberger ist damit auch ein Teil des Konfliktes um die Zukunft unseres Kiezes.

Kleingewerbe in der Siemensstraße: Bordelle gegenüber des LKW-ParkplatzesUnten in den Häusern gibt es viele Ladenlokale, aber wenige verschönern mehr als einige Stunden: Ein bisschen käufliche Liebe, Backwaren, Spätverkaufsgenussmittel fallen sind Auge, dazwischen ein das Türschild eines Architekturbüros und eines Baubetriebs.
Nicht einmal einen Kilometer nördlich der traurigen Turmstraße ist kaum mit einem Wirtschaftsboom in der kleingewerblichen Wirtschaft zu rechnen. Ein Gründerzentrum wird gerade in Moabit-West geschaffen. Immerhin ist Logistik seit 170 Jahren das Geschäft von Moabit.

Müllberge hinter der Baumreihe: Zeit etwas zu tunEin unberechtigter Blick auf das Grundstück zeigt immerhin, was sich derzeit dort sammelt: Müll. In Mengen.
Moabit braucht viele Veränderungen, um seinen Bewohnerinnen und Bewohnern eine Chance zu bieten.
Wer bei den rasanten Gebäudegeschäften nichts tut, nimmt hin, dass schlecht verdienende Nachbarn aus dem Innenstadtbezirk an die Ränder der Stadt verdrängt wird.

Vielleicht bietet der Gastronomie-Großmarkt der Firma Hamberger wirklich Arbeitsplätze, das ist die wichtigste Chance, für 300 Familien, ihr eigenes Einkommen zu verdienen. Die Fragen gehören auf das Bürgerforum der SPD am 8.Oktober.