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Moabit und die SPD - Unser Kiez

Die Geschichte Moabits beginnt im 18. Jahrhundert. 1717 siedelte König Friedrich Wilhelm I. an der „Allee nach Spandau“, der heutigen Straße Alt-Moabit, Hugenotten, französische Glaubensflüchtlinge, an. Der Legende nach gaben sie dem sandigen Landstrich den biblischen Namen „Pays de Moab“, das Land der Moabiter. Im Alten Testament fanden die Israeliten dort solange Zuflucht, bis ihnen die Einreise in das Gelobte Land gelang.
Noch immer hat hier fast jeder dritte Einwohner ausländische Wurzeln, doppelt so viel wie im Berliner Durchschnitt. Moabit ist heute der Zufluchtsort für Einwandererfamilien der ersten, zweiten, dritten Generation; für Studenten auf der Suche nach Altbauwohnungen in einem grünen Kiez für eine bezahlbare Miete; für Selbständige, denen Prenzlauer Berg und Friedrichshain nicht kreativ genug sind; und nach wie vor für bodenständige Altberliner, die auf der Insel zwischen der Spree und den nördlichen Schifffahrtskanälen schon ihr ganzes Leben lang zu Hause sind.
Unser SPD-Ortsverein, der in Berlin Abteilung heißt, beschränkt sich auf das Moabit nördlich der Turmstraße. Er umfasst flächenmäßig den größten Teil Moabits. Im Jahre 2000 wurde er aus drei kleinen Abteilungen der Tiergartener SPD neu geformt. Im Westen grüßt jenseits des Neuen Ufers Charlottenburg, im Osten stößt das Abteilungsgebiet bis zum Spandauer Schifffahrtskanal und dem berühmten Kunstmuseum im Hamburger Bahnhof vor. Auch das neu angelegte Gelände um den gläsernen Hauptbahnhof gehört dazu. Südlich verläuft die Linie entlang der Spree, der Beussel-, Turm-, Rathenower Straße, der Straße Alt-Moabit und schließlich der Invalidenstraße. Die heute älteste Bebauung Moabits ist hier zu finden. Die meisten Wohngebäude stammen aus der Periode des stürmischen, spekulativen Baubooms der Gründerjahre und Industrialisierung nach 1871.
Die südlich der Straße Alt-Moabit gelegenen Häuserzeilen sind erst nach dem Wegzug der dort ursprünglich ansässigen Industriebetriebe, unter anderem Borsigs, entstanden.

 
Geschichte auf Moabits Pflaster
Wer sich unserem Moabit von Norden nähert, dem kehrt es zunächst einmal seine unansehnliche Seite zu: Wie eine Schlucht trennen der Spandauer Schifffahrtskanal, der Westhafen, die Anlagen des Kraftwerks Moabit und das anschließende Bahn- und Gewerbegelände das Gebiet unserer 6. Abteilung der SPD-Mitte vom angrenzenden Wedding.
Drei Brücken verbinden Moabit Nord mit dem Wedding: die Fennbrücke, die Putlitzbrücke und die nördliche Seestraßenbrücke. Hier oben, im Westen, Norden und Osten legt sich um das nördliche Moabiter Wohngebiet das heute größte innerstädtische Gewerbegebiet Berlins mit dem ehemaligen AEG Turbinenwerk – heute Siemens KWU – an der Huttenstraße in „Martinickenfelde“ (benannt nach dem ursprünglich hier ansässigen französischen Gastwirt Martin, der wegen seines kleinen Wuchses „Petit Martin“ oder berlinisch „Martinicken“ genannt wurde) und dem ehemaligen Gelände der Ludwig-Loewe-Maschinenbaufabrik, in der Industriegeschichte geschrieben wurde, denn hier wurde erstmals in Deutschland die Fließbandproduktion eingeführt.
Der Volksmund dichtete auch über die Moabiter Industrie: „Wer noch nie bei Siemens-Schuckert war, bei AEG und Borsig, der kennt des Lebens Jammer nicht, der hat ihn erst noch vor sich.“
In dieser Gegend befindet sich auch der „Bauch von Berlin“, der Berliner Großmarkt an der Beusselstraße, hier ist Moabits „Tor zur Welt“, der Westhafen, einstmals zweitgrößter Binnenhafen Europas, mit seinen eindrucksvollen Speichergebäuden aus den 20er Jahren und dem Zeitungsarchiv der Berliner Staatsbibliothek.
Wer ächzend den Anstieg mit dem Fahrrad auf den Scheitelpunkt der Putlitzbrücke geschafft hat, darf sich auf das Gefälle freuen, das jetzt vor ihm liegt. Schon ist er mitten im Strom, nämlich in der vom Durchgangsverkehr durchströmten Stromstraße, einem der ältesten Verkehrswege Moabits.
Doch Obacht: Rasen wird bestraft – auf der gefürchteten Rennstrecke am Eingang zur innerstädtischen Umweltzone wurde Tempo 30 eingeführt. Die Verkehrs- mit ihrer Lärmbelastung ist heute eines der Probleme im nördlichen Moabit. Über die Perleberger Straße, Stromstraße und Beusselstraße zieht tagtäglich eine nicht enden wollende Blechlawine. Nachts und in den frühen Morgenstunden raubt der LKW-Lastverkehr zum Großmarkt den Bewohnern von Beussel- und Quitzowstraße den Schlaf. Abhilfe in Form einer Entlastungsstraße mit Grüngürtel entlang des Bahngeländes ist schon fast zur Hälfte fertiggestellt.Doch auch Moabit ist nur ein Teil Berlins: Bauvorhaben brauchen Zeit und langen Atem.
Allerdings ist das Viertel nördlich der Turmstraße nicht nur von Lärm und Verkehr geprägt. Wer sich in den Seitenstraßen umsieht, wird bald von beinahe klösterlicher Beschaulichkeit umfangen. Dies liegt nicht allein am St. Paulus-Kloster in der Waldenser Straße, sondern vor allem an der flächenhaften Verkehrsberuhigung mit den erstmals hier eingeführten Kopfsteinpflasterhügeln, den tatsächlich so genannten „Moabiter Kissen“. Ein deutschlandweiter Exportschlager made in Moabit.

 
Sozialdemokraten in Moabit
Hier im Arminiuskiez, im Beussel-, Hutten-, Stephan-, Lehrter Straßenkiez und der Zillesiedlung sind wir, die Mitglieder der SPD Moabit-Nord zu Hause. Unsere Sitzungen finden meist im Rathaus Tiergarten statt.
Anschließend treffen wir uns oft in der original Berliner Kneipe „Zum Stammtisch” an der Ecke Wiclef-/Bredowstraße. Genauso häufig findet man uns im „Dicken Engel“ am U-Bhf. Birkenstraße oder gegenüber im „Arema“.
Alte Kneipen und neue Cafés machen die Originalität Moabits aus. Sie gehören zu den Gründen, aus denen wir uns hier im Kiez wohl fühlen. Neben einer gewissen Affinität zur Lokalpolitik stellen wir uns natürlich auch der Öffentlichkeit, zum Beispiel am Infostand vor dem Hertie-Gebäude oder Kaiser’s auf unserem Stadtteilboulevard Turmstraße, zugegeben dem Sorgenkind unseres Kiezes.
Moabit-Nord ist seit jeher eine Hochburg der SPD gewesen. Im hiesigen Reichstagswahlkreis 6 fuhr einer der Gründerväter der SPD, Wilhelm Liebknecht, bis zu seinem Tode 1900 regelmäßig hohe Wahlsiege für die SPD ein. 1910 rebellierte der gesamte Stadtteil bei den Moabiter Unruhen. Grund war ein Streik in der Kohlenhandlung Kupfer in der Sickingenstraße, der eskalierte, als Streikbrecher eingesetzt wurden. Im Beusselkiez tobten tagelang Kämpfe mit der Polizei, auf die von Balkonen der Rostocker und anderer Straßen ein Regen aus Blumentöpfen niederging. Zwei Arbeiter wurden von der Polizei erschossen.
Die Bewohner Moabits hatten häufig ein etwas gespaltenes Verhältnis zur Obrigkeit. Vielleicht wurden deshalb hier so viele Gefängnisse angesiedelt, das Moabiter Zellengefängnis etwa, wo Häftlinge wie Wilhelm Voigt, bekannt als Hauptmann von Köpenick, der demokratische Journalist und Politiker Georg Ledebour, der Schauspieler Ernst Busch und der Schriftsteller Wolfgang Borchert gefangen gehalten wurden.
1918 zogen Moabiter Arbeiter mit Transparenten „Brüder! Nicht schiessen!“ zur Kaserne der Garde-Ulanen in der Invalidenstraße und verbrüderten sich mit den Soldaten unter der Losung „Weg mit dem Kaiser!“.
 
Übergabe der Garde-Uladenkaserne 1918
Übergabe der Garde-Ulanenkaserne in der Nord-Moabiter Invalidenstraße an Mitglieder eines Arbeiter - und Soldatenrats 1918
 
Der Sozialdemokrat Kurt Tucholsky wurde 1890 in der Lübecker Straße 13 geboren. Über seine Partei sagte er einmal: „Man tut wat für de Revolution und weeß jenau, mit ihr (der SPD) kommt se nich.“ Dies wussten auch viele der Arbeiter, die während der Weimarer Republik von Massenarbeitslosigkeit betroffen waren, und sich deshalb von der SPD ab- und der KPD zuwandten, die insbesondere im ärmsten Teil Moabits, dem Beusselkiez, sehr erfolgreich war.
In den 30er Jahren richteten die Nazis gezielt in den roten Hochburgen, in der Wald- und Huttenstraße SA-Sturmlokale ein. Straßenkämpfe zwischen SA, sozialdemokratischem Reichsbanner und dem Rotfrontkämpferbund der Kommunisten standen auf der Tagesordnung. Während der Nazizeit waren die Moabiter Sozialdemokraten Verfolgungen ausgesetzt, unter ihnen Paul Hennig und Fritz Flohr, welcher nach dem Krieg viele Jahre lang Vorsitzender der 6. Abteilung war und erst vor einigen Jahren als letztes noch lebendes Mitglied der ersten, 1946 gewählten Bezirksverordnetenversammlung Tiergarten verstarb.
Paul Hennig, der letzte Vorsitzende der SPD Tiergarten vor 1933, baute nach dem Krieg die SPD Tiergarten wieder auf. Auch in den folgenden Jahrzehnten blieben die Sozialdemokraten in Moabit präsent. Es war der Stadtrat für Volksbildung Bruno Lösche, der die Stadtteilbibliothek in der Perleberger Straße ins Leben rief. Heute trägt sie seinen Namen.
Ein anderer Name, der im Moabiter Stadtbild präsent ist, gehört Fritz Schloß. Der Park auf dem Gelände eines früheren Exerzierplatzes wurde nach dem Mann benannt, der in den zwanziger Jahren der erste Juso-Vorsitzende von Groß-Berlin und nach dem Krieg der erste gewählte Bezirksbürgermeister von Tiergarten war.
Deutschlandweit bekannt sind die ehemaligen Mieter einer Wohnung in der Stephanstraße 60. Die unangepassten Studenten der „Kommune I“ fanden hier die letzte ihrer Berliner Wohnungen vor der Auflösung der Bewegung 1969.
 
Aktive Kiezgestaltung
Trotz aller politischen Turbulenzen ist die SPD nach wie vor die stärkste Kraft in Moabit. Bei den Berliner Wahlen 2006 konnte unsere Abgeordnete Jutta Leder mit ihrem Einzug ins Abgeordnetenhaus den Erfolg für sich verbuchen, die Berliner Kandidatin zu sein, die mit dem größten Abstand zu ihrem nächstliegenden Mitbewerber gewann.
Der hohe Anteil der Zuwanderer an der Nord-Moabiter Bevölkerung spiegelt sich zunehmend auch in den Neueintritten in unsere Partei wider. Die Abteilung hat heute ungefähr zweihundert Mitglieder und verzeichnet regelmäßig die höchsten Zuwachszahlen im Bezirk Mitte. Sozialdemokratisches Zusammengehörigkeitsgefühl kommt bei uns in erster Linie dadurch zustande, dass wir uns auf den monatlichen Mitgliederversammlungen politisch informieren – jeweils ein großes und mehrere kleine aktuelle Themen pro Abend – und uns trotz möglicher Meinungsverschiedenheiten offen auf einer gemeinsamen politischen Ebene inhaltlich austauschen können.
Wir setzen uns für Bildungsreformen ein. Wir begleiten konstruktiv die baulichen Veränderungen in unserem Kiez und freuen uns, wenn wir lokalpolitische Ziele umsetzen können: Die Turmstraße wird aufgewertet mit Mitteln aus dem Berliner Konjunkturpaket, und der neue Bürgerpark am Westhafen wird die Lebensqualität der Anwohner deutlich anheben.
Wir wollen in unseren Kiezen präsent sein, mit Kiezsprechstunden, mit Ständen auf dem Beussel- und dem Turmstraßenfest. Wir beteiligen uns an den Quartiersmanagements unseres Stadtteils, etwa dem im westlichen Moabit oder dem Bürgerverein im Stephanskiez („BürSte“).
Gleichwohl: Kommunalpolitik ist nicht frei von Enttäuschungen. In den Innenstadtbezirken spiegelt sich die schwierige finanzielle Lage Berlins besonders krass, trotz hoffnungsvoller Ansätze wie dem Quartiersmanagement. Eine schwere politische Niederlage war die Schließung des 130 Jahre alten Krankenhauses Moabit.
Die SPD Moabit-Nord arbeitet weiter an einem liebenswerten Moabit, in dem sich alle Menschen wohl fühlen. Wir wollen die Schaffung von zukunftsorientierten Arbeitsplätzen, dass die Mieten bei uns bezahlbar bleiben, dass Bürgerbeteiligung sich lohnt. Wir wollen noch mehr Grün, weniger Lärm und Abgase, mehr Kulturvielfalt und bessere Bildungschancen auch für Migrantinnen und Migranten, eine Aufwertung der Turmstraße und der angrenzenden Kieze, Erhalt der ursprünglichen Infrastruktur. Dabei denken wir vor allem auch an das Sommerbad und das Poststadion im Fritz-Schloß-Park.
Zusammen mit unserem Stadtrat für Stadtentwicklung Ephraim Gothe achten wir darauf, dass im entstehenden neuen Quartier an der Heidestraße ein Viertel entsteht, das die liebenswürdigen Eigenschaften Moabits im fortschreitenden 21. Jahrhundert übernimmt: eine hohe Lebensqualität für Bürger wie du und ich, lebendige und eng bebaute Innenstadtstruktur, gewaltfreie kulturelle Vielfalt, ein Zuhause für Berliner aus aller Welt.